Wenn Christen Jesus den „Sohn Gottes“ nennen, meinen sie mehr als einen besonders guten Menschen. In den großen Kirchen, die sich zum Glauben von Nizäa bekennen, gilt Jesus als der ewige göttliche Sohn, der Mensch geworden ist.
Das ist keine Vorstellung davon, dass Gott auf gewöhnliche körperliche Weise ein Kind gezeugt hätte. Es geht um eine besondere Beziehung zwischen Jesus und Gott dem Vater. Warum Christen davon sprechen, erklärt sich aus biblischen Texten, dem Glauben an die Auferstehung und späteren Glaubensbekenntnissen.
Das Wort „Sohn“ hatte schon eine Vorgeschichte
In der jüdischen Bibel wird die Sprache von Vater und Sohn bereits für die Beziehung zwischen Gott und einem König verwendet. 2 Samuel 7,12–16 verbindet sie mit dem Königtum des Hauses David. Auch Psalm 2 gehört in einen königlichen Zusammenhang.
Das zeigt: Nicht jedes biblische „Sohn Gottes“ meint sofort sämtliche Aussagen der späteren christlichen Lehre. Die Wörter haben einen Zusammenhang. Christen beziehen solche früheren Texte auf Jesus. Das ist eine christliche Auslegung und nicht die einzig mögliche jüdische Lesart.
Wie die Evangelien von Jesus erzählen
Im Markusevangelium 1,9–11 wird Jesus bei seiner Taufe durch eine Stimme aus dem Himmel als geliebter Sohn bezeichnet. Am anderen Ende der Erzählung, nach seinem Tod am Kreuz, nennt ihn ein Hauptmann ebenfalls Gottes Sohn: Markus 15,39.
Die Bezeichnung ist also nicht nur mit Macht und Erfolg verbunden. Sie steht auch neben Leiden und Tod. Wer den Titel als bloßes Lob für einen erfolgreichen religiösen Lehrer versteht, verpasst einen zentralen Punkt dieser Erzählung.
Bei Lukas 1,26–38 wird Marias Kind mit dem Wirken des Heiligen Geistes verbunden. Der Text spricht von Gottes Handeln bei der Menschwerdung. Die spätere Lehre vom ewigen Sohn besagt zugleich: Seine Beziehung zum Vater beginnt nicht erst mit Marias Schwangerschaft.
Johannes geht besonders weit
Johannes 1,1–18 spricht vom „Wort“, das von Anfang an bei Gott ist und Mensch wird. Für Christen ist das ein wichtiger Ausgangspunkt der Lehre von der Menschwerdung: Jesus erhält nicht erst später eine Beförderung zum Göttlichen.
Am Ende des Evangeliums bekennt Thomas Jesus als seinen Herrn und Gott. Der Verfasser erklärt außerdem, er wolle Glauben an Jesus als Messias und Sohn Gottes wecken: Johannes 20,28–31. Der Text erzählt also mit einer ausdrücklich religiösen Absicht.
Warum die Auferstehung so wichtig ist
Für Paulus gehören Jesu Herkunft aus dem Haus David und seine Auferstehung zusammen. Römer 1,3–4 verbindet die Bezeichnung als Sohn Gottes in Macht mit der Auferstehung von den Toten.
In 1 Korinther 15,3–8 und 14 gibt Paulus eine Überlieferung über Tod, Begräbnis, Auferstehung und Erscheinungen Jesu weiter. Ohne die Auferstehung, so seine Argumentation, verlöre der christliche Glaube seine Grundlage.
Damit wird verständlich, warum Christen Jesus nicht einfach als einen Lehrer unter vielen ansehen. Die Auferstehung gehört zum Kern ihres Glaubens an ihn. Der Brief belegt, was Paulus verkündete. Ob man seine religiöse Deutung von Gottes Handeln annimmt, ist eine weitere Frage.
Auch Lukas 24 zeigt diese Lesart: Der auferstandene Jesus deutet frühere Schriften im Licht von Leiden und Auferstehung. Es geht um ein verbundenes Verständnis der Texte, nicht nur um einzelne herausgesuchte Vorhersagen.
Was wurde in Nizäa geklärt?
Das Konzil von Nizäa im Jahr 325 formulierte, dass der Sohn mit dem Vater dasselbe göttliche Wesen teilt. Es unterschied ausdrücklich zwischen „gezeugt“ und „geschaffen“. Der Sohn gehört in diesem Bekenntnis nicht zu den von Gott erschaffenen Wesen.
Das klingt zunächst nach schwierigen Worten. Die praktische Bedeutung ist klarer: Die Kirchen wollten sagen, dass Jesus wirklich göttlich ist und nicht nur ein besonders hochgestelltes Geschöpf. Das Konzil erfand den Titel „Sohn Gottes“ also nicht erst. Er steht bereits in den zuvor genannten neutestamentlichen Texten.
Der Ökumenische Rat der Kirchen erklärt den Unterschied zwischen dem Bekenntnis von 325 und der erweiterten Form von 381. Letztere wird im Gottesdienst oft ebenfalls einfach das „Nizänische Glaubensbekenntnis“ genannt.
In diesem Glauben sind Vater, Sohn und Heiliger Geist unterschieden, während Gott einer ist. Der Sohn ist deshalb weder ein Drittel Gottes noch ein zweiter unabhängiger Gott.
Und ist Jesus dann noch wirklich Mensch?
Diese Frage wurde später weiter ausgearbeitet. Die Formulierung des Konzils von Chalcedon aus dem Jahr 451 spricht von einem Christus in zwei Naturen: göttlich und menschlich. Sie sollen weder vermischt noch in zwei Personen auseinandergerissen werden.
Für die Kirchen, die dieses Bekenntnis teilen, ist Jesu Menschsein damit keine Verkleidung. Seine menschliche Wirklichkeit soll ebenso ernst genommen werden wie seine Göttlichkeit. Chalcedon ist eine spätere Auseinandersetzung als Nizäa; man sollte die beiden Ereignisse nicht zu einem einzigen Konzil zusammenziehen.
Meinen alle christlichen Gemeinschaften dasselbe?
Nein. Die Grundlage des Ökumenischen Rates der Kirchen bekennt Jesus Christus als Gott und Retter im Zusammenhang mit Vater, Sohn und Heiligem Geist. Das veranschaulicht den gemeinsamen Rahmen seiner Mitgliedskirchen.
Die Zeugen Jehovas erklären „Sohn Gottes“ dagegen mit ihrer Überzeugung, Jesus sei Gottes erste Schöpfung. Das unterscheidet sich gerade von Nizäas Aussage, der Sohn sei nicht geschaffen. Gleiche Wörter bedeuten also nicht automatisch denselben Glauben.
Warum ist das für den Alltag wichtig?
Galater 4,4–7 verbindet die Sendung des Sohnes mit einer neuen Beziehung der Glaubenden zu Gott. Wenn Christen sich als Gottes Kinder verstehen, ist damit jedoch nicht genau dieselbe ewige Göttlichkeit gemeint, die Nizäa über Jesus aussagt.
Und Philipper 2,1–11 verbindet den Blick auf Christus mit Demut und Rücksicht auf andere. Die Frage nach Jesu Identität gehört somit auch zum Beten und zum Umgang miteinander.
Für den Einstieg lässt sich festhalten: Der Titel „Sohn Gottes“ bündelt eine christliche Deutung von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. In der nizänischen Tradition bezeichnet er den ewigen göttlichen Sohn, der wirklich Mensch wird. Die biblischen Erzählungen und späteren Bekenntnisse erklären verschiedene Seiten dieses Glaubens.
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