Warum werden an Chanukka Kerzen angezündet?

Brennende gelbe Kerzen und eine Hand beim Anzünden als Illustration zum Lichterfest

Die Chanukka-Kerzen erinnern an die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels und machen das in der rabbinischen Tradition erzählte Ölwunder sichtbar. An acht Abenden wächst die Zahl der Festlichter von einem auf acht. Ein zusätzliches Licht, der Schamasch, dient als Helfer und wird nicht als neunter Festtag mitgezählt.

Wer die Kerzen nur als winterliche Dekoration betrachtet, übersieht ihren religiösen Zusammenhang. Zum Ritual gehören Erinnerung, Dank und das Bekanntmachen des Wunders. Zugleich sind die historische Tempelweihe, die unterschiedlichen alten Erzählungen und die heutigen Familienbräuche nicht einfach dasselbe.

Welche Erinnerung steht hinter den acht Tagen?

Chanukka bedeutet Einweihung. 1 Makkabäer 4:36–59 erzählt von der Reinigung und erneuten Weihe des Heiligtums nach dem Erfolg des Judas Makkabäus und seiner Mitstreiter. Der Altar wird wieder hergerichtet; die Feier dauert acht Tage und soll jährlich wiederkehren. Der Text verbindet die Festsetzung mit dem 25. Kislew.

Eine weitere frühe Erklärung bietet 2 Makkabäer 10:1–8: Die Feier wird mit dem Laubhüttenfest verglichen, das die Beteiligten zuvor unter schwierigen Umständen nicht angemessen hatten feiern können. Die acht Tage haben damit schon in älteren Überlieferungen einen Platz, bevor man sie allein mit dem berühmten Ölkrug erklärt.

Was erzählt das Ölwunder?

Im Babylonischen Talmud, Schabbat 21b, steht eine andere Akzentsetzung. Nach der Rückgewinnung des Tempels habe man nur ein unversehrtes, versiegeltes Gefäß mit rituell reinem Öl gefunden. Sein Inhalt hätte für einen Tag gereicht, brannte der Erzählung zufolge jedoch acht Tage. Im folgenden Jahr seien Festtage mit Lobpreis und Dank eingerichtet worden. Die Posen Library veröffentlicht diesen Abschnitt mit fachlicher Einordnung.

Die Ölerzählung fehlt in den älteren Berichten der beiden Makkabäerbücher. Quellenkritisch sollte man deshalb von einer später bezeugten rabbinischen Deutung sprechen. Das nimmt dem Ritual nicht seine Bedeutung: Es unterscheidet die Frage, was eine Glaubensüberlieferung ausdrückt, von der Frage, wann eine bestimmte Erzählung schriftlich nachweisbar ist.

Illustration zum Judentum und seinen Festtraditionen

Warum wird es jeden Abend ein Licht mehr?

Schabbat 21b überliefert eine Meinungsverschiedenheit: Die Schule Schammais wollte mit acht Lichtern beginnen und ihre Zahl täglich verringern. Die Schule Hillels vertrat den zunehmenden Verlauf. Eine der im Text genannten Begründungen lautet sinngemäß, dass man im Heiligen aufsteigt, statt herabzusteigen. Den Abschnitt kann man in der Quellenausgabe zum Chanukka-Ritual nachlesen.

Die heute vertraute Reihe folgt Hillel: eins, zwei, drei und weiter bis acht. Der Text unterscheidet außerdem eine grundlegende Haushaltsverpflichtung von aufwendigeren Formen ihrer Erfüllung. Die Zahlen sind daher Teil einer rechtlichen und religiösen Auslegungstradition, nicht bloß eine praktische Zählhilfe.

Chanukkia, Menora und Schamasch: Was ist der Unterschied?

Menora bedeutet Leuchter. Der Name kann den siebenarmigen Tempelleuchter meinen, wird aber auch für den Chanukka-Leuchter verwendet. Eindeutiger ist dafür Chanukkia: Sie hat acht Plätze für die Festlichter und einen weiteren für den Schamasch. Chabad erläutert den Unterschied zwischen beiden Leuchtern.

Wer auf einem Foto neun Flammen sieht, sollte daraus also keine neuntägige Festdauer ableiten. Der zusätzliche Platz hat eine andere Funktion. Umgekehrt muss eine Chanukkia keine exakte Nachbildung des Tempelleuchters sein. Ihre Gestaltung kann variieren, solange die für die jeweilige Praxis maßgeblichen Anforderungen erkennbar erfüllt werden.

Wozu dient das zusätzliche Licht?

Der Schamasch wird zum Anzünden verwendet und sichtbar von den Festlichtern abgesetzt. Die Festlichter selbst sollen während ihrer rituellen Verwendung nicht als gewöhnliche Arbeitsbeleuchtung dienen. Eliyahu Kitovs Anleitung bei Chabad erklärt diesen Unterschied und beschreibt die verbreitete Reihenfolge: Man fügt, vor dem Leuchter stehend, links ein neues Licht hinzu und zündet dieses zuerst an; anschließend folgen die älteren Plätze nach rechts.

Aufstellen und Anzünden laufen demnach in entgegengesetzter Richtung. Das neue Licht bekommt besondere Aufmerksamkeit. Für Gäste ist es hilfreicher, den Familienbrauch anzusehen oder nachzufragen, als aus der Betrachtungsrichtung eines Fotos eine allgemeine Regel abzuleiten.

Welche Segenssprüche gehören dazu?

Maimonides behandelt die Segenssprüche in den Chanukka-Gesetzen, Kapitel 3. Am ersten Abend gehören drei dazu: der Segen über das Anzünden, der Dank für die Wunder und Schehechejanu, der Dank dafür, diesen Zeitpunkt erlebt zu haben. An den folgenden Abenden bleiben normalerweise die ersten beiden.

Damit wird das Handeln ausdrücklich als religiöses Tun gerahmt. Es geht nicht nur darum, dass eine Flamme brennt, sondern auch darum, wem der Dank gilt und welche Erinnerung die Familie oder Gemeinschaft weitergibt. Die genaue Aussprache lässt man sich am besten in der eigenen Gemeinde zeigen.

Warum stehen die Lichter oft am Fenster?

Das Wunder soll bekannt gemacht werden, oft mit dem Ausdruck pirsume nissa bezeichnet. Die Union for Reform Judaism beschreibt deshalb das Fenster oder einen anderen von außen sichtbaren Ort als verbreiteten Standort. Zugleich ist das Anzünden ein häusliches Ritual, zu dem Familie und Freunde zusammenkommen können.

Manche Familien entzünden eine gemeinsame Chanukkia, andere mehrere, etwa mit eigenen Leuchtern für Kinder. Schon Maimonides, Kapitel 4, unterscheidet mehrere Formen und schildert für die spanischen Gemeinden seiner Zeit eine zunehmende Lichterzahl für den ganzen Haushalt. Ein einzelner beobachteter Brauch bildet folglich nicht sämtliche jüdischen Traditionen ab.

Öl, Kerzen und der Schabbat

Öllampen und Kerzen sind gebräuchlich. In der orthodoxen Anleitung von Chabad setzt die Erfüllung des Rituals eine echte Flamme voraus; elektrisches Licht wird dafür nicht als gleichwertig angesehen. Reform Judaism erwähnt dagegen elektrische Leuchter als verfügbare Möglichkeit, wenn offene Flammen nicht erlaubt oder unsicher sind. Daraus sollte man keine einheitliche halachische Bewertung aller Gemeinden ableiten.

Wer den Schabbat nach den traditionellen Regeln hält, entzündet am Freitag die Chanukka-Lichter vor den Schabbatkerzen und vor Schabbatbeginn. Am Samstagabend werden sie erst nach dem Schabbat entzündet. Die örtlichen Zeiten und der Gemeindebrauch zählen; ein pauschaler Uhrzeitentipp wäre irreführend.

Das wachsende Licht kann Hoffnung und Beharrlichkeit ausdrücken. Sein konkreter jüdischer Zusammenhang bleibt jedoch die Erinnerung an Tempelweihe und Wunder, verbunden mit Lob und Dank. Weitere Grundlagen erschließt der deutsche Judentum-Buchratgeber.

Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.

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