Die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten gehen auf die Frage nach der Führung nach Muhammads Tod 632 zurück. Daraus entwickelten sich über Generationen verschiedene Vorstellungen religiöser Autorität, Auslegung und Praxis. Die beiden großen Traditionen gehören zum Islam und umfassen ihrerseits unterschiedliche Gemeinschaften und Schulen.
Eine einfache Gegenüberstellung zweier unveränderlicher Blöcke führt deshalb in die Irre. Gemeinsamkeiten, historische Entwicklung und innere Vielfalt sind für das Verständnis ebenso wichtig wie die Trennlinien. Insbesondere ist ein heutiger politischer Konflikt nicht schon durch die Religionszugehörigkeit seiner Beteiligten erklärt.
Worum ging es nach Muhammads Tod?
Die später sunnitisch genannten Überlieferungen erkannten die Führung Abu Bakrs an. Anhänger Alis betonten dagegen die besondere Stellung von Muhammads Vetter und Schwiegersohn sowie seiner Familie. Der Ausdruck Schiat Ali, Partei Alis, steht hinter der Bezeichnung Schia.
Das Institute of Ismaili Studies beschreibt diese Entwicklung aus einer benannten schiitisch-ismailitischen Perspektive. Seine Darstellung unterscheidet den frühen Nachfolgestreit von den erst später systematisch ausgearbeiteten Lehren. Rechtsgelehrte und Theologen wirkten über Generationen an deren Gestalt mit.
Ali wird auch im sunnitischen Islam als vierter rechtgeleiteter Kalif hoch geachtet. Es geht also nicht darum, ob nur eine Seite ihn überhaupt anerkennt. Umstritten sind der besondere Rang seiner Autorität und ihre Weitergabe. Aus dem Ende prophetischer Offenbarung folgte nicht für alle dieselbe Antwort auf die Frage weiterer verbindlicher Führung.
Was bedeutet Imamat?
Im Alltag kann „Imam“ einen Vorbeter bezeichnen. In schiitischer Theologie kann derselbe Begriff dagegen eine umfassende, göttlich begründete Leitungsautorität meinen. Muhammad Ridha al-Muzaffars Darstellung des zwölfer-schiitischen Glaubens verbindet dieses Amt mit göttlicher Einsetzung und Bewahrung vor religiösem Irrtum.
Sein Text beschreibt außerdem den zwölften Imam als verborgen und wiederkehrend erwartet. Das ist eine konkrete zwölfer-schiitische Lehre. Sie erklärt weder jede schiitische Nachfolgelinie noch die Funktion jedes Mannes, der heute das Gebet in einer Moschee leitet. „Mahdi“ bedeutet zudem nicht „unfehlbar“, sondern bezeichnet den Rechtgeleiteten.
Auch Sunniten kennen religiöse Gelehrsamkeit und Autorität. Der Unterschied lässt sich nicht als Führung auf der einen und völlige Abwesenheit von Auslegung auf der anderen Seite darstellen. Er betrifft, wodurch religiöse Leitung begründet und wie sie weitergeführt wird.
Welche Unterschiede bestehen innerhalb der Traditionen?
Die Drei Punkte der Botschaft von Amman nennen die vier sunnitischen Rechtsschulen Hanafi, Maliki, Schafii und Hanbali sowie unter anderem die schiitischen dschafaritischen und zaiditischen Schulen. Sie schließen außerdem ibaditische und zahiritische Traditionen ein. Diese muslimische Erklärung anerkennt Zugehörigkeit und gelehrte Methoden; sie behauptet keine Aufhebung aller Differenzen.
Eine Rechtsschule, ein theologischer Zugang und ein konkreter Verband sind nicht dieselbe Ebene. Auch passt nicht jede muslimische Gemeinschaft vollständig in ein Schema mit nur zwei Feldern: Das Beispiel der Ibaditen macht die Grenzen einer bloßen Sunniten-Schiiten-Aufteilung sichtbar.
Zur Schia gehören unter anderem Zwölfer, Ismailiten und Zaiditen mit unterschiedlichen Verständnissen von Nachfolge. Die offizielle Website des ismailitischen Imamats bezeichnet Prince Rahim Aga Khan V seit Februar 2025 als fünfzigsten erblichen Imam. Dieses lebendige geistliche Amt ist etwas anderes als die zwölfer-schiitische Erwartung der Wiederkehr des verborgenen zwölften Imams.
Welche Grundlagen werden geteilt?
Die Botschaft von Amman nennt den einen Gott, den Koran als Offenbarung und Muhammad als Propheten sowie Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Ramadanfasten und Pilgerfahrt. Darin liegt ein bedeutender gemeinsamer Bezug. Unterschiedliche Überlieferungssammlungen und Auslegungen können gleichwohl das Verständnis einzelner religiöser Handlungen prägen.
Die Erklärung ist ein religiöser Anerkennungsversuch aus dem muslimischen Kontext, keine soziologische Behauptung, jeder Gläubige lebe dieselbe Praxis. Für konkrete Unterschiede sollte man benennen, welche Sammlung, Lehrperson oder Gemeinschaft gerade spricht.
Beten Schiiten einen Lehmstein an?
Eine kleine Lehmtafel, die Turbah, wird in manchen schiitischen Gebetszusammenhängen als Unterlage für die Stirn verwendet. Sayyid Rida Husayni Nasabs zwölfer-schiitische Erklärung unterscheidet ausdrücklich zwischen der Niederwerfung auf Erde und der Niederwerfung für Gott. Verehrt wird demnach Gott, nicht die Unterlage.
Das Beispiel zeigt, warum die sichtbare Form einer Handlung ihre Bedeutung noch nicht erklärt. Eine Ritualregel über die geeignete Oberfläche ist keine Aussage über eine andere Gottheit. Die Praxis sollte außerdem nicht ohne Prüfung jeder schiitischen Richtung oder jedem Individuum zugeschrieben werden.
Warum sind Karbala und Aschura wichtig?
Nach dem IIS-Eintrag zu Karbala wurden dort 680 Muhammads Enkel Husain und seine Anhänger getötet. Die Erinnerung ist in vielen schiitischen Gemeinschaften zentral für Treue, Leid und den Widerstand gegen Unrecht. Aschura bezeichnet den zehnten Tag des Monats Muharram, an dem des Geschehens gedacht wird.
Die schiitische ISIJ-Gemeinschaft in Toronto erklärt Arba’in als Gedenken vierzig Tage danach und verbindet es mit Ziyara, dem Besuch beziehungsweise der religiösen Hinwendung zu Husain. Das darf nicht mit dem Haddsch nach Mekka gleichgesetzt werden. Unterschiedliche Ziele und Riten bleiben verschiedene religiöse Handlungen.
Eine sunnitische Erklärung des Yaqeen Institute zu Aschura betont zugleich Fasten und die Erinnerung an Moses Rettung vor dem Pharao. Sie würdigt ebenfalls Husain. So können sich religiöse Akzente unterscheiden, ohne dass jede Erinnerung ausschließlich einer einzigen Tradition gehörte. Trauerformen sind zudem vielfältig; spektakuläre Einzelbilder repräsentieren nicht alle Schiiten.
Erklärt die Trennung heutige Konflikte?
Religiöse Unterschiede können politisch eingesetzt und als Zugehörigkeitsmerkmale benutzt werden. Für eine konkrete Krise braucht es trotzdem Belege zu Akteuren, Machtverhältnissen und lokalen Umständen. Die Geschichte des Imamats liefert nicht automatisch eine Erklärung für jeden Krieg und macht nicht jeden Sunniten oder Schiiten zum Unterstützer einer Konfliktpartei.
Ein hilfreicher Vergleich fragt deshalb nach gemeinsamem Glauben, der konkreten Autoritätslehre und der örtlichen Praxis. Das erklärt mehr als die Vorstellung eines seit 632 unverändert geführten Zweikampfs. Weitere Einblicke in gelebte Religion bietet unser Beitrag zum Sinn des Fastens im Islam.
Eigenständig recherchiert und redaktionell geprüft am 8. November 2026. Historische Einordnung und benannte sunnitische, zwölfer-schiitische und ismailitische Binnenperspektiven werden unterschieden.
Veröffentlicht von ki-lian. Über unseren Redaktionsprozess.




